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Rede der Bundesvorsitzenden des PARITÄTISCHEN, Heidi Merk

Pressekonferenz 11. August 2008
Begrüßung des 2,5millionsten Zivildienstleistenden


Es gilt das gesprochene Wort

Grußwort von Heidi Merk,
Vorsitzende des Paritätischen Gesamtverbandes,
anlässlich der Begrüßung des 2,5millionsten Zivildienstleistenden
am 11. August 2008 in Stuttgart



Sehr geehrter Herr Dr. Kreuter,
sehr geehrter Herr Dr. Schnatterbeck,
sehr geehrter Herr Dohn,
sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Herr Porada und anwesende Zivildienstleistende,

es gab Jahre, in denen es nicht leicht war, überhaupt Zivildienstleistender zu werden. Das Verfahren für Wehrdienstverweigerer war schwierig, die Befragung der jungen Männer ging bei diesen nicht selten mit Tränen aus. Ich erinnere mich daran gut, war ich doch lange Jahre Mitglied im Ausschuss und später in einer Kammer für Wehrdienstverweigerer.

Wir können froh sein, dass diese Zeiten vorbei sind. Oft waren die Fragen noch Fragen aus dem Kalten Krieg, die meist eingeleitet wurden mit dem Satz: "Stellen Sie sich vor, der Russe kommt um die Ecke…"

Meine Damen und Herren, 2,5 Millionen Zivildienstleistende sind ein enorm bedeutsames Potential von gesellschaftlichem Engagement in unserer Gesellschaft.

Für den Paritätischen Wohlfahrtsverband kann ich sagen: So vielseitig wie das Spektrum unserer Mitgliedsorganisationen ist auch die Arbeit der Zivildienstleistenden im Paritätischen. Aus einer bunten Palette können sie sich Tätigkeitsfelder aussuchen, die ihren Interessen entsprechen - spannend und nah am Menschen, eben mittendrin im Leben. Bundesweit gibt es beim Paritätischen über 6.700 Zivildienststellen mit mehr als 18.000 angebotenen Zivildienstplätzen.

Ob in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, alten Menschen, Aussiedlern, Suchtkranken, Menschen mit Behinderungen oder in Krankenhäusern, es gibt viele wichtige Aufgaben in der Betreuung und Pflege, in handwerklichen und gärtnerischen Aufgabenfeldern oder in Fahr- und Versorgungsdiensten, die von Zivildienstleistenden in Paritätischen Mitgliedsorganisationen verantwortungsbewusst und kompetent übernommen werden.

Ganz herzlich möchte ich mich für dieses Engagement bedanken!

Die Arbeit der im Jahr durchschnittlich 11.000 bei Paritätischen Trägern eingesetzten Zivildienstleistenden spielt in der alltäglichen Praxis unserer Mitgliedsorganisationen eine große Rolle - auch und gerade für die hilfebedürftigen Menschen, die von den Zivildienstleistenden betreut, gepflegt, begleitet und unterstützt werden. Insbesondere die Erweiterung der Einsatzmöglichkeiten im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe werden in der Praxis als große Bereicherung erlebt - aus den Kitas gibt es "euphorische" Rückmeldungen. Die Kinder sind begeistert von den Zivis!

Dennoch, und das will ich hier ganz deutlich sagen, hängen wir als Verband nicht an dem Zivildienst als Pflichtdienst. Und das ist er ja nun einmal. Solange es die allgemeine Wehrpflicht gibt, gibt es auch den Zivildienst. Darüber, ob und wie lange die Wehrpflicht beibehalten wird, entscheidet die Politik und es wäre für die Zukunft des Zivildienstes hilfreich, wenn die Thematik mit einem klaren ja oder auch nein beantwortet würde.

Im Rahmen der Kommission "Impulse für die Zivilgesellschaft" hat sich der Paritätische in den vergangenen Jahren engagiert in die Diskussion zu einem möglichen Strukturwandel vom Pflicht- zum Freiwilligendienst eingebracht und sich mit Alternativen für eine Zukunft "nach dem Zivildienst" auseinandergesetzt. Offen gesagt, wir hatten uns durchaus mit dem Gedanken angefreundet, den Zivildienst von einem Pflichtdienst zum Freiwilligendienst weiterzuentwickeln.

Freiwilliges Engagement ist nicht nur für die Freie Wohlfahrtspflege unverzichtbar. Viele soziale Innovationen der letzten Jahrzehnte wurde maßgeblich durch die Kreativität und den Einsatz von freiwillig engagierten Menschen vorangebracht und etabliert. Über eine Million Ehrenamtliche bringen sich mit Engagement, Ideen und Zeit in die Arbeit der Paritätischen Mitgliedsorganisationen ein. Dieses Potential ist für unseren Verband und für unsere Gesellschaft unverzichtbar.

Die allgemeine Wehrpflicht ist nicht abgeschafft worden und der Zivildienst ist kein Freiwilligendienst.

Es bleibt vorerst bei der Verpflichtung für junge Männer, neun Monate ihrer Lebenszeit ihrem Staat zu "dienen". Dennoch ist nicht alles beim Alten geblieben. Es wurde die Weiterentwicklung des Zivildienstes zum Lerndienst und damit ein grundsätzlicher Perspektivenwechsel eingeleitet, den wir voll unterstützen.

Solange junge Männer zum Zivildienst verpflichtet werden, sagen wir als Paritätischer Wohlfahrtsverband, sollen diese jungen Männer doch auch so viel wie möglich davon haben. Es muss ein Geben und Nehmen sein.

Wir wollen, dass junge Männer die Zeit als Zivildienstleistende möglichst sinnvoll durch sinnstiftende Tätigkeiten für sich nutzen können. Wir wollen, dass der Zivildienst zu einer echten Lernzeit für die Zivildienstleistenden wird.

Unser Verband hat Wohlfahrtspflege immer als etwas Dynamisches definiert. Jeweils aktuelle soziale und individuelle Problemlagen erfordern eine unablässige Suche nach neuen zeitgemäßen Antworten. In unserem Verband stehen vielfältige Ansätze und Methoden der sozialen Arbeit gleichberechtigt nebeneinander.

Meine Damen und Herren,
Wohlfahrtspflege "neu denken", das hat uns immer schon sehr gereizt. Vor diesem Hintergrund gehen wir gerne auch bei der Weiterentwicklung des Zivildienstes zum Lerndienst dynamischen Schrittes voran.

Zahlreiche Modellprojekte zur Weiterentwicklung des Zivildienstes wurden durch den Paritätischen initiiert und umgesetzt. Lassen Sie mich zwei Beispiele nennen:

Da sind zum einen die 2006 von der Verwaltungsstelle des Paritätischen Baden-Württemberg in Mössingen eingeführten "Dualen Lehrgänge", die dem Grundgedanken des Lernens während der gesamten Zivildienstzeit in besonderer Weise Rechnung tragen: Durch die zeitliche Flexibilisierung und inhaltliche Erweiterung der begleitenden Lehrgänge konnte der Nutzen für die Zivildienstleistenden erheblich gesteigert werden. Während in der ersten Lehrgangswoche, die zu Beginn der Zivildienstzeit liegt, der Schwerpunkt auf der Vermittlung von fachlichen Kompetenzen liegt, dienen die Abschluss-Seminare im letzten Drittel der Zivildienstzeit der persönlichen Reflexion der gemachten Erfahrungen sowie der Stärkung personaler und sozialer Schlüsselkompetenzen.

Zivildienstleistende können so den Ein- und Ausstieg im Dienst bewusster gestalten und die Erfahrungen des Zivildienstes auf produktive Weise in ihre Biographie integrieren. Nach dem Motto "Neun Monate Zivildienst sind neun Monate Lernen für's Leben" kommen in diesem Modell fachliche Qualifizierung und Persönlichkeitsentwicklung gleichermaßen zum Zuge.

Ein zweites Beispiel ist das Programm "Zivildienst plus", das durch den Paritätischen in Schleswig-Holstein auf den Weg gebracht wurde: Schwerpunkt dieses Programms ist das strukturierte Lernen in der Praxis nach einem individuell auf den einzelnen Zivildienstleistenden zugeschnittenen Curriculum. Den Zivildienstleistenden werden Projekte übertragen, die sie eigenverantwortlich durchführen. Mentoren stehen den jungen Männern zur Seite und verbinden qualifizierte fachliche Anleitung mit persönlicher Beratung und Betreuung. Einrichtungsübergreifende begleitende Bildungsangebote, Coachings sowie ein abschließendes Reflexionsseminar runden "Zivildienst Plus" ab.

Das "Plus" im Programmtitel steht dabei nicht nur für ein "Plus" an begleitenden Maßnahmen sondern auch für ein "Plus" an Zeit: Die Teilnehmer des Programms absolvieren freiwillig drei zusätzliche Monate und erhalten am Ende ein Zertifikat als "Helfer für soziale Dienste". Der erste Jahrgang ist begeistert und profitiert bereits von den erworbenen Qualifikationen: Zwölf Monate soziale Arbeit und die damit verbundene praktische Projekterfahrung können sich in jedem Lebenslauf sehen lassen und waren für viele der Programmteilnehmer der Türöffner zum Vorstellungsgespräch.

Meine Damen und Herren,
junge Männer, die in ihrer Dienstzeit stärker gefördert und betreut werden, sind engagierter und motivierter bei der Arbeit. Auch wer später in einem ganz anderen Beruf arbeitet, hat durch den Zivildienst Arbeits- und Lebenswelten kennen gelernt, die sein gesellschaftliches Denken und Verhalten neu prägen. Manche Zivildienstleistende ändern nach dieser Erfahrung ihre Zukunftspläne und verfolgen eine Karriere im sozialen Bereich, was auch den allgemein niedrigen Männeranteil dort etwas anhebt. Darüber hinaus arbeiten viele von ihnen nach der Berufsausbildung ehrenamtlich im sozialen Bereich.

Und genau das wollen wir und sollten wir als Wohlfahrtsverband unterstützen: Jungen Männern neue Berufsperspektiven eröffnen, sie für soziale Themen sensibilisieren und für soziales Engagement - sei es haupt- oder ehrenamtlich - begeistern, denn daran fehlt es in der Männerwelt sehr häufig.

In diesem Sinne möchte ich abschließend auch noch einmal alle Einrichtungen, die Zivildienstleistende beschäftigen, ausdrücklich ermuntern: Nutzen Sie die Chance, junge Männer für soziale Arbeit zu begeistern! Behandeln Sie die Zivildienstleistenden gut, fördern Sie diese, binden Sie sie ein, unterstützen Sie sie und begleiten Sie sie auf einem gemeinsamen Stück Lebensweg - und vielleicht trifft man sich ja tatsächlich einmal als Partner oder Kollegen wieder?

Lieber Herr Porada, liebe Zivildienstleistenden,
"Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken", so lautet ein Zitat von Galileo Galilei. Etwas abgewandelt, könnte man auch sagen: "Man kann einen Menschen nicht ändern, man kann ihm nur helfen, sich selbst zu entdecken."

Vor diesem Hintergrund können Sie sich auf die Zeit Ihres Zivildienstes selbstbewusst freuen - ich kann Ihnen versprechen: Wir werden Ihnen Möglichkeiten geben, Neues zu entdecken!

Nutzen Sie die Zeit für sich, lassen Sie sich auf neue Erfahrungen und Perspektiven ein, die Ihnen der Zivildienst ermöglicht. Nehmen Sie für sich mit, was Sie auf Ihrem weiteren Lebensweg als nützlich erachten und reflektieren Sie Ihr Tun. Vielleicht entdecken Sie sich tatsächlich neu oder doch zumindest das ein oder andere neue Interesse, die ein oder andere Seite oder Fähigkeit, die Ihnen vorher nicht bewusst waren. Probieren Sie sich aus und genießen Sie die Zeit - und wer weiß, vielleicht sehen wir uns später einmal wieder? Ich würde mich freuen!

Vielen Dank!


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